Bernhard Esser (Hrsg.): Kultursensitive Beratung und Dialog
Bernhard Esser (Hrsg.): Kultursensitive Beratung und Dialog. Arbeit und Begegnung mit ausländischen Studentinnen und Studenten. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2010. 157 Seiten. ISBN 978-3-89974-574-0. 14,80 EUR.
Reihe: Berufsprofile.
Autor
Der Band beschäftigt sich mit der Beratung ausländischer Studierender, der Autor selbst ist seit vielen Jahren in einer katholischen Hochschulgemeinde in der Beratung und Betreuung ausländischer Studierender tätig.
Entstehungshintergrund
Herausgeber dieses Bandes ist das Forum Hochschule und Kirche, ein Zusammenschluss der katholischen Hochschul- und Studierendengemeinden in Deutschland. Der Band stützt sich auf die Erfahrungen des Autors in der Beratung und enthält zahlreiche Beispiele aus der Beratungspraxis, die sowohl einen Einblick in die Lebenswelten ausländischer Studierender geben als auch die Realität der Beratungspraxis veranschaulichen. Des weiteren stützt sich der Band auf eine vom Autor in Eigenregie durchgeführte Befragung von Hochschulgemeinden zu Beratungsanlässen, Schwierigkeiten und Hintergründen. Die persönlichen Erfahrungen des Autors und die Rückmeldungen der Befragung werden ergänzt und empirisch untermauert durch drei Studien, die von anderen durchgeführt wurden: die 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks von 2006, Daten und Berichte zum Ausländerstudium des deutschen akademischen Austauschdienstes von 2000 – 2009 und auf die Erhebung des Hochschulinformationssystems von 2008.
Aufbau
Das Buch ist in drei Teile unterteilt Im ersten Teil wird ein Einblick in die Lebensrealitäten ausländischer Studierender gegeben. Es geht um Definitionen, Gründe für das Studium in Deutschland, Herausforderungen, Probleme und die Reintegration in die Heimat. Der zweite Teil widmet sich dem eigentlichen Beratungsthema. Unter der Überschrift kultursensitive Beratung werden Beratungsanlässe, Zugangsbarrieren, Kulturkonzepte und Beratungskonzepte dargestellt. Der dritte Teil widmet sich dem Konzept des Interkulturellen Dialogs und geht noch mal auf das Dialoginteresse und die entsprechenden Hindernisse von Seiten ausländischer Studierender ein.
Inhalt
Interessant ist aus jeden fall die ausführliche Schilderung der Lebensrealitäten ausländischer Studierender. Die Studien decken sich alle in den folgenden Aussagen: viel Enthusiasmus und viele Hindernisse, die zum Einen aus dem unterschiedlichen Gesellschaftssystemen und Bildungsanforderungen resultieren. Das zentrale Hindernis für ein erfolgreiches Studium ist aber die Finanzierung, die meisten ausländischen Studierenden finanzieren sich nach einer meist von der Familie unterstützten Starthase selbst. Daraus resultieren viele Probleme, die auch die soziale und soziokulturelle Situation und den Kontakt zu inländischen Studierenden betreffen. Diese Problematik spiegelt sich auch in den Beratungsanlässen wieder, die der Autor durch seine Umfrage erhoben hat: an erster Stelle stehen finanzielle Probleme, an zweiter Stelle stehen familiäre Fragen bzw. Fragen die mit Partner- und Familienbeziehungen zu tun haben. Der Autor ergänzt die wissenschaftlichen Aussagen um viele Beispiele und anschauliche Berichte aus seiner Praxis. Damit wird die Situation ausländischer Studierender sehr eindrücklich dargestellt.
Das Konzept der kultursensitiven Beratung nimmt den meisten Raum ein. Auch wenn der Autor immer wieder betont, dass der Beratungsgegenstand nicht Kultur oder Fremdheit sei, weist er doch mehrfach und mit vielen Beispielen darauf hin, dass in der Beratungspraxis kulturelle Differenzen eine Rolle spielen. Sein Konzept gründet sich auf zwei Säulen: auf die Kulturkonzeption und das Beratungssetting, Für das Kulturkonzept greift Esser auf das Eisbergmodell zurück und erklärt kurz Kulturstandards und kulturelle Differenzen. Im Beratungssetting beschreibt er ausführlich die Positionen der beiden Beratungsparteien und das Gespräch selbst. Dabei sieht er die Beratung Suchenden einerseits als kulturell andere und anderseits als Personen in einer besonderen sozialen und emotionalen Herausforderung und als Angehörige einer oft auch diskriminierten und ausgegrenzten Minderheitenkultur. Besondern ausführlich werden Funktionen und Kompetenzen der Beratenden dargestellt, als deren Wichtigste gelten Empathie und Selbstreflexion.
Der dritte Teil stellt ausführlich den Ansatz interreligiöser Dialogs dar und beschreibt ausführlich verschiedene Konzepte und sogar deren potentielle Realisierung. Zugleich geht der Autor auf Hindernisse ein, die vor allem im mangelnden Interesse an den Lebensrealitäten und den Glauben ausländischer sicher Studierender von Seiten der Deutschen liegen. Der Band endet mit einer Darstellung der diesbezüglichen Arbeit der Hochschulgemeinden.
Diskussion und Fazit
Mit dem Buch wird ein guter Einblick in die Situation ausländischer Studierender und in aktuelle Ansätze kultursensitiver Beratung und interreligiösen Dialogs gegeben. Allerdings oszilliert das Beratungskonzept zwischen einer Kulturalisierung von Differenz und Konzeptualisierung von Beratung, da trotz aller Hinweise auf Vielfalt mit einem statischen Kulturbegriff gearbeitet wird. Das Dialogkonzept im dritten Teil ist auch interessant zu lesen. Es fragt sich dennoch nach all den Ausführungen im Hauptteil des Buches ob es hier an Dialog über Glauben und Kultur mangelt oder ob es nicht anderer Aktivitäten bedarf. Dies gingen eher in die Richtung Sensibilisierung für den Umgang mit Minderheiten von Seiten der studentischen Mehrheitsgesellschaft, Beförderung eines Austauschs unter den Studierenden und um andere Konzepte zum Umgang mit der stark belastenden finanziellen Situation. Dennoch ein informativer und gut verständlicher Band.
Rezensentin
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 02.02.2012 zu: Bernhard Esser (Hrsg.): Kultursensitive Beratung und Dialog. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2010. 157 Seiten. ISBN 978-3-89974-574-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/9814.php, Datum des Zugriffs 20.05.2012.
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